Die Verlockung des Tiefseebodens
Tausende Meter unter der Meeresoberfläche verbirgt sich ein riesiger mineralischer Reichtum. Die Tiefsee-Ebenen sind mit polymetallischen Knollen bedeckt – kartoffelgroßen Steinen, die reich an Kobalt, Nickel, Mangan und Kupfer sind. Da die Nachfrage nach diesen Übergangsmetallen durch den Boom von Elektrofahrzeugen und Ökostrom-Infrastruktur sprunghaft ansteigt, planen Bergbauunternehmen die Erschließung der Tiefsee. Befürworter argumentieren, dass die Gewinnung dieser Knollen notwendig sei, um die globalen Klimaziele zu erreichen, und zudem weniger zerstörerisch als der Abbau an Land sei.
Empfindliche Ökosysteme in der Tiefseezone
Der Meeresboden der Tiefsee, der lange Zeit für eine lebloser Einöde gehalten wurde, beherbergt in Wirklichkeit ein hochgradig spezialisiertes und empfindliches Ökosystem. Viele in dieser Zone lebende Arten kommen nirgendwo sonst auf der Erde vor und wachsen aufgrund der Kälte und des Lichtmangels extrem langsam. Die Manganknollen selbst dienen als lebenswichtiger Lebensraum für Tiefseekorallen, Schwämme und andere Organismen. Schwere Maschinen, die den Meeresboden abkratzen, würden diese Lebensräume dauerhaft zerstören und das Aussterben von Arten verursachen, deren Entwicklung Millionen von Jahren gedauert hat.
Die Bedrohung durch Sedimentwolken unter Wasser
Eine der größten Umweltsorgen beim Tiefsee-Bergbau ist die Entstehung von Sedimentwolken. Die gewaltigen Abbaufahrzeuge würden den feinen Schlamm auf dem Meeresboden aufwirbeln und riesige Partikelwolken erzeugen. Diese Wolken könnten mit den Meeresströmungen Hunderte von Kilometern weit driften, Filtrierer ersticken, das Licht für Lebewesen im mittleren Tiefenbereich blockieren und das marine Nahrungsnetz stören. Darüber hinaus könnte das zurückgepumpte Abwasser der Oberflächenschiffe giftige Metalle und Lärmbelastung in die tieferen Wasserschichten eintragen.
Der Regulierungskampf bei der ISA
Die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) ist das UN-Organ, das alle mineralbezogenen Aktivitäten im internationalen Meeresbodenbereich regeln und kontrollieren soll. Die ISA verhandelt derzeit intensiv über einen „Bergbaukodex“, der die Regeln für den kommerziellen Abbau festlegen soll. Eine wachsende Koalition von Staaten, Meereswissenschaftlern und Umweltorganisationen fordert ein Moratorium oder eine vorsorgliche Pause für den Tiefsee-Bergbau. Sie argumentieren, dass unser wissenschaftliches Verständnis dieser Ökosysteme viel zu gering ist, um deren Sicherheit zu garantieren.
Alternativen zur Rohstoffgewinnung in der Tiefsee
Viele Experten halten den Tiefsee-Bergbau für ein unnötiges Risiko. Statt eine neue Front ökologischer Zerstörung zu eröffnen, sollte sich die grüne Wende auf das Recycling konzentrieren. Fortschritte beim Batterierecycling ermöglichen es, hochreines Kobalt und Nickel aus alten Elektrofahrzeugen zurückzugeewinnen, was den Bedarf an Primärrohstoffen senkt. Zudem verringert der rasche Trend hin zu Lithium-Eisenphosphat- (LFP) und Natrium-Ionen-Batterien die Abhängigkeit der Industrie von Tiefseemineralien erheblich – ein Beweis, dass eine saubere Zukunft ohne die Zerstörung der Meere möglich ist.